Digitale Trends

New Work: (Über-)Leben in der neuen Arbeitswelt

Von Michèle Ullmann

20.06.2022

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Am Donnerstagabend, 16. Juni 2022, fand im Caffè B12 in Chur im Rahmen des Wissenschaftscafé Graubünden eine Podiumsdiskussion zum Thema «New Work» statt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Barbara Haller Rupf, Geschäftsführerin der Academia Raetica, welche die Veranstaltung organisiert hat. Es war ein leidenschaftlich geführtes Gespräch über einen Mega-Trend, der bereits Realität ist und viele Chancen wie Herausforderungen mit sich bringt.

Ein Begriff, viele Definitionen

New Work ist ein analytischer Sammelbegriff zu Neuerungen in unserer Arbeitswelt, der jedoch nicht abschliessend definiert ist. Dies zeigt sich auch in den Voten der Podiumsteilnehmenden. Für Vera Herzmann, systemische Organisationsberaterin und Gründerin von «dwarf & Giants Schweiz», hat New Work viel mit Organisationsstrukturen zu tun. Sie favorisiert die sogenannte «Holokratie» in welcher sich Teams selbst organisieren, ohne Chefin oder Chef, die oder der die Richtung diktiert. Maurus Blumenthal, Direktor des Bündner Gewerbeverbandes, führt die sinnstiftende Tätigkeit ins Feld, die bei New Work zentral ist. Jon Erni, Gründer von miaEngiadina und Präsident von GRdigital, steht zudem das Arbeiten an verschiedenen Orten (Multilokalität) im Vordergrund, welches auch neue Prozesse und Methoden verlangt. Schlussendlich hängt das Thema stark mit der digitalen Transformation zusammen, welche für viele Aspekte von New Work die Basis bildet.

Du möchtest mehr über New Work erfahren? Am 5. Juli findet zum Thema «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» ein online Event statt. Es referieren Pascal Huber und Stephan Boner, die Gründer und Geschäftsführer von «fundamensch».

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New Work in der Schweiz

Alle Teilnehmenden sind sich einig: New Work ist kein Trend, sondern eine Realität, die längst Tatsache ist. Dies bestätigt auch die Kurzumfrage im interessierten Publikum, welches angibt, mehrheitlich an drei und mehr Orten zu arbeiten. Auch bei miaEngiadina lebt man die neue Freiheit, dort zu arbeiten, wo es gerade am passendsten ist. In Bezug auf Führung ist die Befähigung von Mitarbeitenden sowie ihre Mitbestimmung zentral. Jon Erni sieht sich selbst denn auch vor allem als «derjenige, der die Steine aus dem Weg räumt, damit andere arbeiten können». Er bestätigt aber auch, dass sich umfassende New Work-Modelle eher für einen eingeschränkten Kreis von Arbeitenden eignen: In erster Linie für Wissensarbeiter/innen und Kreativköpfe.

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New Work, eine Herausforderung für alle

Für Maurus Blumenthal ist es insbesondere die geforderte Flexibilität, die New Work mit sich bringt, welche Unternehmen vor grosse Herausforderungen stellt. Diese müssen heute viel stärker auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden eingehen: Will er lieber zu Hause oder im Büro arbeiten? Will sie Verantwortung übernehmen oder wird sie lieber geführt? Der Fachkräftemangel bringt zudem mit sich, dass sich Arbeitnehmende häufig in einer stärkeren Position sehen, ihre Bedürfnisse anzumelden und einzufordern. Für Vera Herzmann ist es zentral, Brücken zu bauen und dafür zu sorgen, dass sich alle Mitarbeitenden abgeholt und zugehörig fühlen.

New Work stellt aber nicht nur Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber vor grosse Herausforderungen, sondern auch die Mitarbeitenden. Dies zeigt der vierte Teilnehmer der Podiumsdiskussion, Dr. med. Rahul Gupta, Ärztlicher Direktor Erwachsenenpsychiatrie und Mitglied der Geschäftsleitung der Psychiatrischen Dienste Graubünden PDGR, eindrücklich mit Studienergebnissen auf. Bereits während der Pandemie, als viele das erste Mal mit Home Office in Berührung kamen, stieg der Bedarf nach psychotherapeutischen Dienstleistungen. Das lasse sich aber nicht nur auf New Work zurückführen, sondern sei zu wesentlichen Teilen der Isolation von unserem sozialen Umfeld und dem fehlenden Ausgleich während der Pandemie geschuldet. New Work stelle einen grossen Teil der arbeitenden Bevölkerung vor tiefgreifende Veränderungen ihrer Lebens- und Arbeitsmodelle. Dies sei vor allem für die Menschen problematisch, die es bevorzugen, in fixen Strukturen zu arbeiten. «Bei ihnen ist die Gefahr einer psychischen Überlastung und Erkrankung besonders gross», meint Gupta und ergänzt, dass die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit für die psychische Gesundheit des heutigen Menschen zentral sei.

 

Neue Kompetenzen sind gefragt

Gemäss einer Studie von Frey und Osborne für das Bundesamtes für Statistik zu den Schlüsselkompetenzen im digitalen Zeitaltert sehen viele Unternehmen den Fokus auf Fähigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen und die ein hohes Mass an menschlichem Denk-, Urteils- und Entscheidungsvermögen erfordern. Rahul Gupta schätzt diese Studie als ziemlich realistisch ein – und auch als beängstigend. Gemäss Schätzungen könnte rund ein Drittel der Arbeitskräfte durch diese Anforderungsprofile überfordert sein. Dass diese Personen nicht auf der Strecke bleiben und eine für sie sinnstiftende Arbeit verrichten können ist eine der gesellschaftlichen Herausforderung, die New Work mit sich bringt.

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New Work als Chance für den Wirtschafts- und Lebensraum Graubünden

«New Work ist volkswirtschaftlich durchaus interessant, wenn es darum geht, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich wohl fühlen, um zu arbeiten und zu leben», meint Maurus Blumenthal. Von den Angeboten, wie sie miaEngiadina zur Verfügung stellt, kann letztlich ein ganzes Tal profitieren; vom Metzger bis zum Bergbahnbetreiber. Jon Erni geht in seiner Aussage sogar so weit, dass New Work viele Bündner Täler ganzjährig lebendiger machen kann, weil diese Angebote für Gäste, und Ein- und Zweitheimische nicht nur während den touristischen Hauptsaisons attraktiv sind.

 

Fazit

Der Begriff New Work umfasst den strukturellen Wandel unserer Arbeitswelt in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung. Unsere Arbeit verändert sich hinsichtlich Arbeitsorten, Werkzeugen, Methoden, Prozessen und Organisationsformen. Nicht alle Berufe und Tätigkeiten sind gleichermassen betroffen. Es gilt, diesem komplexen Prozess mit Flexibilität zu begegnen und als Gesellschaft die Chancen zu nutzen und die Herausforderungen anzunehmen.

Die Wissenschaftscafés Graubünden sind ein nationales Projekt der Stiftung Science et Cité und thematisieren für Graubünden relevante wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen in lebendigen Diskussionen zwischen Expertinnen, Experten und dem Publikum – aktuell, inspirierend, verständlich.

Koordination: Academia Raetica

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